Die Bibel wurde nicht im luftleeren Raum geschrieben – das wissen wir alle. Sie berichtet über das Leben und die Zeit von Menschen, die in einen ganz speziellen kulturellen Kontext eingebunden waren, und dieser wurde maßgeblich durch Geografie beeinflusst.
Außerhalb des Verheißenen Landes war Ägypten einer der bestimmenden Orte für die Israeliten. Nicht nur, weil Gottes Volk dort gut 400 Jahre verbrachte. Zuvor reiste Abraham dorthin und viele Jahrhunderte später der Prophet Jeremia. Sogar Jesus verbrachte seine prägendsten Kindheitsjahre in Ägypten, als seine Eltern mit ihm dorthin vor Herodes flohen.
Während der letzten vier Jahre, in denen ich an einem Kommentar zum zweiten Buch Mose schrieb, habe ich auch viel über Ägypten gelesen. Dabei habe ich verstanden, wie sehr die alten Ägypter uns lehren können, die Bibel in ihrem angemessenen Kontext zu lesen und zu verstehen. Dieser Eindruck wurde noch durch die Studienreise verstärkt, die ich mit Dr. James Hoffmeier unternommen habe, einem renommierten Ägyptologen. Die Pyramiden, Tempel, Museen und Gräber, die ich mit eigenen Augen sehen durfte, haben viele altbekannte Bibelpassagen für mich lebendig werden lassen.
Das zweite Buch Mose ist voll mit Anspielungen auf das Leben der Israeliten in Ägypten. Dazu gehören auch ägyptische Lehnwörter und bestimmte Anschauungen, die in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung haben.
Während ihres langen Aufenthalts in Ägypten wurden die Israeliten immer wieder mit bestimmten Motiven konfrontiert – und viele der bildlichen Darstellungen hatten Einfluss auf die Bildsprache der Bibel. Die biblischen Autoren verwendeten ja gewöhnliche, menschliche Mittel, um die ewigen Wahrheiten über Jahwe in Worte zu fassen und zu vermitteln. Diese visuellen Konzepte waren für ihr damaliges Publikum nachvollziehbar – und jetzt, wo ich einige davon mit eigenen Augen gesehen habe, ergeben sie auch für mich viel mehr Sinn.
Ich möchte hier sechs Beispiele aufzeigen, die ich besonders erleuchtend fand.
Der Gartentempel
Im Alten Orient gestalteten die Menschen ihre Tempel häufig wie Gärten. Davon hatte ich bereits gelesen, aber jetzt hatte ich Gelegenheit, dieses Phänomen selbst zu sehen.
Zu vielen der Tempel, die wir besuchten, gehörten Säulen, die Papyruspflanzen nachempfunden waren. Die berühmte Säulenhalle des großen Tempels von Amun-Re in Karnak hatte sage und schreibe 134 papyrusförmige Säulen von enormer Größe – sieben Menschen konnten mit ausgestreckten Armen gemeinsam gerade einmal eine einzige Säule umfassen. An einem Ende der Halle waren die Papyrusknospen geschlossen, während sie sich am anderen Ende zu weiten Blüten öffneten. Jede einzelne Säule war mit bemalten Reliefs geschmückt, und die Farbpigmente dafür waren aus Pflanzenpulver gewonnen (Abb. 1).
Die Decken der Tempel zeigten – wo sie erhalten waren – ohne Ausnahme einen tiefblau gemalten Himmel mit gelben Sternen. Und obwohl die Tempel komplett aus Stein gebaut waren, vermittelten sie den Eindruck von üppigen Gärten, durchzogen mit Darstellungen von Bäumen und Pflanzen wie Papyrus und Lotus.
Es ist kein Wunder, dass Israels eigenes Heiligtum eine tiefblaue Decke hatte, zusammengehalten von goldenen Haken, die im Schein der Leuchter funkelten (2. Mose 26,1-2.31-32). Und es überrascht nicht, dass die Leuchter im Heiligtum wie Bäume gestaltet waren, mit Ästen und Blüten, und dass die Robe des Hohen Priesters mit Granatäpfeln verziert war (2. Mose 25,31-40; 28,31-33). Die Form des Gartentempels hat eine „Botschaft“, nämlich: Gott ist der Schöpfer und er bewahrt und gestaltet die natürliche Welt.
Schützende Flügel
In Ägyptens Tempeln sahen wir geflügelte Wesen, wohin wir auch schauten. Manchmal waren es Seraphim, manchmal andere göttliche Wesen, die ihre Flügel schützend über dem Pharao ausstreckten. Die heilige Barke (eine Art Boot), die das göttliche Bild trug, war stets von geflügelten Beschützern gesäumt.
Diese Bilder lassen mich an die Cherubim denken, die auf die Vorhänge des Heiligtums gestickt waren (2. Mose 26,31), und an die goldenen Cherubim, die ihre Flügel über die Bundeslade im Allerheiligsten ausstreckten (2. Mose 37,9; 1. Könige 6,27). Ich verstehe auch besser, warum Boas Rut als Person bezeichnete, die unter den Flügeln Jahwes Schutz suchte (Rut 2,12), und warum auch die Psalmisten davon sprachen, dass Gottes Volk unter Gottes Flügeln Bewahrung findet (Psalm 17,8; 36,8; 91,4).
Der Heilige Geist
Courtesy of Carmen ImesAufmerksamen Beobachtern fällt auf, dass vielen ägyptischen Statuen die Nasen fehlen. Teilweise lässt sich das dadurch erklären, dass die vorstehende Nase der Teil der Statue ist, der beim Umfallen am leichtesten beschädigt wird. Es ist aber auch derjenige Teil einer Statue, dessen Zerstörung eine Statue am effektivsten unkenntlich macht – historisch ein Hinweis darauf, dass ein Pharao nicht länger das Recht zu herrschen hatte.
Die Ägypter glaubten, dass die Seele durch die Nase in den Körper eintrat und ihn durch die Nase auch wieder verließ. Ein toter Pharao ohne Nase war damit doppelt tot – nicht nur physisch, sondern auch geistlich, ohne jede Chance auf Wiederherstellung. Pharaonen wandten große Mühen auf, um ihre Körper nach ihrem Tod zu beschützen, damit sie intakt und damit für das Jenseits brauchbar blieben. Mumien wurden in Sarkophage gelegt, die wiederum von Sarkophagen umschlossen wurden, ähnlich wie die russischen Matroschka-Puppen.
In vielen der Gräber und Totentempel, die wir besuchten, sahen wir Relief-Szenen, in denen eine Gottheit dem Pharao einen Ankh, ein ägyptisches Symbol für das Leben, entgegenstreckte und unter die Nase hielt. Der Pharao erhielt so durch die Gottheit Leben nach seinem Tod, um geistlich aufzuerstehen und den Willen der Götter weiter auszuführen (Abb. 2).
Diese Szenen des „Leben-Gebens“ erinnern mich an 1. Mose 2, wo Gott dem ersten Menschen Leben einhaucht. Professor Hoffmeier verweist außerdem auf Psalm 51,13, wo David bittet: „Verstoße mich nicht aus deiner Gegenwart und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.“ David war wahrscheinlich nicht in Sorge, seine Erlösung zu verlieren, sondern eher die göttliche Legitimität seiner Herrschaft. So hatte ja Gott seinen Geist auch von Saul weggenommen, um ihn als König abzusetzen (1. Samuel 15,23; 16,14). David wollte nicht, dass ihm das gleiche passiert.
Der starke Arm des Pharao
Über Jahrtausende hinweg stellten ägyptische Steinmetze die Pharaonen in einer Pose als Zerschmetterer dar, um ihre militärische Macht zu zeigen. Ein gutes Beispiel dafür ist die sogenannte Narmer-Palette (3100 v. Chr.; Abb. 3). Darauf ist der Pharao zu sehen, der eine Keule hinter seinem Kopf hoch erhoben hält, während seine andere Hand nach vorne ausgestreckt ist, um das Haar seines besiegten Gegners zu ergreifen. Mir war vorher nicht bewusst gewesen, wie allgegenwärtig dieses Bild ist. Wir sahen es in jedem Tempel, manchmal dutzende Male. Im Tempel von Ramses III. zeigen der erste Pfeiler (an der Eingangswand) und jeder Pfeiler der ersten Kammer den Pharao in dieser Pose, jedes Mal mit einem anderen besiegten Feind in seinem Griff. Im Grunde dient die Halle als visuelle Zusammenfassung der militärischen Erfolge von Ramses.
Courtesy of Carmen ImesDie Darstellung ist nicht nur bildhaft, sondern wird von Texten begleitet. An einer Außenwand findet man eine Inschrift über einer solchen Szene, die besagt: „Der mit dem starken Arm“ – einer der bevorzugten Titel des Pharao.
Klingt das vertraut? Durch das Alte Testament hindurch bezeichnet Jahwe sich selbst als der mit „starker Hand und ausgestrecktem Arm“ und weist damit üblicherweise auf seine Taten während des Exodus hin. Tatsächlich kommt diese Formulierung des „ausgestreckten Arms“ fast nur im Zusammenhang mit Ägypten vor (2. Mose 6,6; 5. Mose 4,34; 5,15; 2. Könige 17,36; Jeremia 32,21).
Diese biblischen Passagen treffen eine markante Aussage. Jahwe forderte den Pharao und dessen Anhänger direkt heraus, als wollte er sagen: „Du glaubst, du hast einen starken Arm? Dann schau dir an, was ich kann!“
Alltag in Ägypten
Solche bildhaften Vorstellungen, die den biblischen Text beleuchten, sind das eine. Darüber hinaus aber habe ich aus den Darstellungen viel über das alltägliche Leben, die Arbeit und die Geschlechterrollen von Männern und Frauen im Alten Ägypten gelernt.
Gräbern der Oberschicht und der Arbeiter waren mit den verschiedensten Gegenständen ausgestattet. Vor Ort und auch in Museen konnte ich sie sehen. Da gibt es Statuen, gemalte Bilder und Figuren; sie stellten Tätigkeiten wie Brotbacken, Bierbrauen, Ziegelbrennen, Bildhauerei und Schreiben, Pflanzen und Ernten, Ledergerben, Geburt und vieles mehr dar. Ich sah Kämme, Make-Up-Paletten und Schmuck, Werkzeuge zum Spinnen und Färben von Wolle und Flachs, Modelle von altertümlichen Webstühlen. Ich sah Werkzeuge von Zimmermännern und Feuersteinmesser, Gartenwerkzeuge und Mühlsteine, handgenähte Zelte, Betten und Stühle.
Die alten Ägypter glaubten, dass eine Person im Jenseits all das brauchen würde, was sie auch im Diesseits gebraucht hatte. Sie glaubten daran, dass sie nach dem Tod in Osiris’ Feldern arbeiten würden, und so rüsteten sie ihre Gräber mit einer Reihe von nützlichen Werkzeugen wie Pflügen und Schaufeln aus, dazu ein Bett, ein Stuhl und Kleidung. Im Gegensatz dazu waren die Hebräer höchstens darum besorgt, ob man sich an ihren „Namen“ oder ihren Ruf nach ihrem Tod erinnern würde. Über das Leben nach dem Tod machten sie sich nur wenige Gedanken – bis zur späten Phase des Alten Testaments.
Im Rückblick waren die alten Ägypter auf der richtigen Spur, wenn sie sich die Kontinuität des beruflichen Lebens nach dem Tod vorstellten – in ähnlicher Weise betrachten wir das neue Jerusalem. Aber es sollte noch hunderte von Jahren dauern, bevor Gott den Juden etwas darüber zeigen würde.
Erkenntnisse solcher Art verpassen wir, wenn wir uns nicht für den geografischen Kontext des Alten Testaments interessieren. Dank des trockenen und sandigen Klimas in Ägypten haben wir das Privileg, mehr als 3000 Jahre in die Vergangenheit reisen zu können. Das erlaubt uns, einen Blick auf eine Kultur zu erhaschen, die Israel maßgeblich prägte – wie auch all die Angehörigen von Gottes Volk, die danach kamen.
Carmen Joy Imes ist außerordentliche Professorin für Altes Testament an der Biola University. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, darunter „Bearing God‘s Name: Why Sinai Still Matters“ (Gottes Namen tragen: Warum der Sinai noch immer wichtig ist), und schreibt derzeit einen Kommentar zum Buch Exodus.
Deutsch von Lydia Rieß.